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Philipp Schwander in den Medien
Philipp Schwander: «Fast alle Betriebe in Saint-Émilion könnte man kaufen»
Philipp Schwander teilt die Eindrücke seiner diesjährigen Fassprobenreise ins Bordeaux-Gebiet.
finews.ch, 4. Juni Florian Schwab | Publishing Director Bild zVg
Philipp Schwander teilt die Eindrücke seiner diesjährigen Fassprobenreise ins Bordeaux-Gebiet. Er dämpft den Hype um den als «Jahrhundertjahrgang» gefeierten 2025er und nennt die Gewinner, die Enttäuschungen und gibt einen Insider-Einblick in die Markt- und Stimmungslage im Bordelais.
Herr Schwander, kürzlich waren Sie im Bordeaux, um den Jahrgang 2025 zu verkosten. In welche Richtung geht es?
2025 hat von Beginn weg unglaubliche Vorschusslorbeeren erhalten und wird – alles andere wäre ja auch überraschend (lacht) – einmal mehr als Jahrhundertjahrgang verkauft. Aber ich muss sagen: Meine Euphorie ist sehr verhalten.
Warum?
Weil ich aufgrund der super positiven Berichte viel erwartet hatte. Und diese Erwartungen wurden enttäuscht? Es hat wirklich ein paar hervorragende Weine. Aber es hat sehr viele Weine, die ich jetzt nicht als sensationell erachte, sondern bestenfalls als gut. Viel wichtiger ist etwas anderes.
Und zwar?
Es ist ein Jahrgang, der preislich sehr attraktiv sein wird, teilweise günstiger gar als der miserable 2024er. Aber man sollte aufpassen, was man einkauft, denn es hat ziemlich viele Weine, die recht durchschnittlich sind.
Warum war der 2024er so wenig überzeugend?
Es tut mir leid, wenn man das so sagen muss, aber das war ein ganz schwieriges Jahr. Es hat viel geregnet, vor allem im Herbst. Man verzeichnete den regenreichsten Herbst seit über dreissig Jahren. Den 2024er in Subskription einzukaufen, ist komplett überflüssig. Diese Weine werden Sie immer bekommen und die Wahrscheinlichkeit, dass sie günstiger werden, liegt bei 100 Prozent.
Von welchen Jahrgängen sollte man sonst noch die Finger lassen?
Bereits 2021 war im Bordelais sehr schwierig. 2013 ganz verheerend, und jetzt eben 2024.
Zurück zum 2025er: Was sind die neuralgischen Punkte?
Dieses Jahr war geprägt von einer extremen Trockenheit. Das sehen viele erst einmal als positiv an. Aber wenn es zu trocken ist, gibt es Reifeblockaden, die Rebe hat zu wenig Wasser für die Ausreifung der Trauben. Oft ist es in solchen Jahren so, dass die Reife der Farb- und Gerbstoffe nicht optimal ist. Dies geschah teilweise im 2025. Es kam dann zwar Regen im richtigen Moment, aber dieser hat in einigen Fällen offensichtlich nicht ganz so viel geholfen, wie behauptet wird.
Zudem: Was oft verschwiegen wird, ist, dass viele aus Angst vor weiteren Regenfällen und Fäulnis relativ früh gelesen haben, obwohl sie zugunsten der optimalen Reife besser noch zugewartet hätten. Das schmeckt man in einigen Weinen. Und deshalb hat man doch einige 25er mit massiven, nicht optimal reifen Tanninen und, zumindest degustativ, einer gewissen Säure. Es ist eigentlich nicht das, was man sich unter einem «Jahrhundertjahrgang» vorstellt. Viele Weine sind zudem, wie gesagt, zwar nicht schlecht, aber auch nicht aussergewöhnlich, manchmal recht kurz.
Haben Sie die ganze Preispalette durchprobiert?
Wir haben fast ausschliesslich die berühmten «Cru Classés» probiert. Die einfachen Weine nicht, denn sie werden vielfach nicht «en primeur» angeboten. Da hat man noch Zeit und kann warten.
Welche 2025er haben Sie besonders überzeugt?
Einer, der wegen zu starker Extraktion und entsprechend trocknenden Tanninen immer ein wenig mein Sorgekind war: der «Château Pavie». Jetzt haben sie einen sensationellen Wein gemacht, etwas vom Besten im Jahrgang. Jean-Baptiste Pion, Maître de Chai, hat mir auch bestätigt, dass sie jetzt viel sanfter, nicht mehr so extrem wie früher extrahieren. Ich erinnere mich an die ersten Pavies unter dem Perse-Regime. Die Crew liess den gärenden Most derart lange an der Maische, dass die Gerbstoffe einem den völlig Mund ausgetrocknet haben und man im Anschluss am liebsten ein Bier getrunken hätte. Es hat sich auch gezeigt, dass solche Weine häufig nicht besonders harmonisch reifen. Jetzt sieht es so aus, als hätten sie bei Pavie die Balance gefunden. Kompliment!
Was waren Ihre weiteren Entdeckungen?
«La Mission Haut-Brion» ist sensationell, sogar ein bisschen besser als «Haut-Brion». «Montrose» war besser als «Cos-d’Estournel». «Château Margaux» ist hervorragend, ebenfalls der «Pavillon Rouge». Auch «Léoville Las Cases» und «Pontet Canet» gefielen sehr, «Lynch-Bages» dagegen würde ich etwas weniger hoch einstufen. Man muss auf diesen Jahrgang wirklich selektiv zugehen.
Die Stammtisch-Gleichung «je mehr Tannin, desto lagerungsfähiger» stimmt nicht.
Wein kann man manchmal fast ein wenig mit Tee vergleichen: Der wird auch nicht besser, je länger man ihn an den Blättern ziehen lässt. Ich habe das Glück, seit dem Jahr 1982 Bordeaux-Fassproben zu degustieren. Da entwickelt man mit der Zeit ein Gespür und sieht, wie sich die alten Jahrgänge entwickelten, und versteht, woher die Probleme kamen.
Ich erinnere mich noch an die ersten Jahrgänge. Beim 86er fand ich als Youngster: Der hat ja massiven Gerbstoff, das ist etwas für hundert Jahre, das muss ja grossartig sein. Aber wenn im Verhältnis zur Frucht zuviel Gerbstoff vorhanden ist, kann es durchaus passieren, dass der Gerbstoff bleibt und die Frucht überproportional verschwindet. Das gibt dann tanninreiche, eher unfreundliche Weine. Das war bei manchen 86ern der Fall.
Was verrät Ihr historisches Gedächtnis sonst noch?
Zum Beispiel: Weine, die mehr Cabernet Franc enthalten, sind anfänglich wesentlich verhaltener als solche mit Merlot-Schwerpunkt. Cabernet-Franc braucht einfach viel, viel länger, bis er sich ausdrücken kann. Gerade «Cheval Blanc» wird in der Jugend bei den Fassproben dadurch gerne unterschätzt, weil der Anteil an Cabernet Franc relativ hoch ist.
Sie haben das Jahr 1986 erwähnt. Das ist gerade ein Jubiläumsjahr, das zur Idee verleiten kann, einen Bordeaux dieses Jahrgangs zu entkorken. Sie raten zur Vorsicht?
Es gibt ein paar sehr gute 86er. Aber es gibt auch viele, die auch heute noch recht streng sind. Diese sind immer noch zu tanninbetont und stellen eher ein gotisch-asketisches als ein barockes Vergnügen dar.
Gibt es sonst noch etwas, was Ihnen aufgefallen ist?
Es gibt einen eigentlichen Trend zu hochwertigen Weissweinen, gerade im Médoc. Ich habe zahlreiche köstliche Beispiele degustiert. Auf Pichon-Lalande macht man zur Zeit hochspannende Versuche mit Weissweinen. Exzellent sind «Aile d’Argent» (Mouton), «Lynch Bages blanc» und «Pavillon blanc» (Margaux) oder der «Duhart-Milon blanc», der tatsächlich von einer ehemaligen Merlot-Parzelle von «Lafite» stammt.
Was sehen Sie allgemein bei der Bordeaux-Preisdynamik?
Man merkt, dass sie zu wenig entschlossen mit den Preisen zurückgegangen sind. Die Lager sind deshalb noch ziemlich voll.
Die Preise sind im Durchschnitt um etwa 30 Prozent zurückgegangen. Ist das unentschlossen?
Ja, weil der 24er eben so verheerend war. Dieser hätte eigentlich noch viel günstiger sein müssen. Das zeigt sich jetzt auch daran, dass gewisse 25er, die viel besser sind als 24er, zu gleichen Preisen oder sogar günstiger auf den Markt kommen. Die Zeiten sind schwierig geworden, auch wegen der hirnrissigen Anti-Alkohol-Kampagne der Weltgesundheitsorganisation WHO. Kürzlich habe ich im Magazin Cicero dargelegt, dass deren Behauptungen falsch sind. Das kommt auch wieder anders, aber im Moment ist es nicht so erfreulich.
Wie ist die Stimmung im Bordelaiser Weingewerbe? Einfach etwas verhalten oder katastrophal?
Nicht gut! Dem Besitzer von Ausone sagte ich, dass ich gehörte hätte, rund 40 Weingüter aus Saint-Émilion stünden zum Verkauf. Er lachte nur und sagte: Eigentlich könne man zur Zeit fast alle Betriebe kaufen! Gerade in Saint-Émilion hatten die Winzer teilweise exorbitante Zusatzkosten bedingt durch die Anforderungen der Klassifikation. Da wurde verlangt, in repräsentative Gebäude zu investieren, was für eine hohe Weinqualität überhaupt nicht notwendig ist. Dieses Geld fehlt jetzt. Kurzum: Die Stimmung ist getrübt und von grosser Unsicherheit geprägt.
Aber eben: Es ist nicht nur ein Phänomen von Saint-Émilion.
Die Rebbaufläche im Bordeaux ist in den letzten drei Jahren um 20 Prozent reduziert worden. Es gab in diesem Anbaugebiet immer auch eine relativ grosse Anbaufläche von sehr einfachen Weinen, die immer weniger Abnehmer finden. Die berühmten Weine sind davon nicht tangiert.
Das heisst, die Probleme sind eigentlich am unteren Ende der Preisskala konzentriert?
Auch die besten Weingüter können nicht mehr zu diesen hohen Preisen verkaufen. Aber sie werden überleben. Grössere Probleme haben jene, die eine sehr ambitionierte Qualität erzeugen, aber noch nicht berühmt sind. Sie können keine Top-Preise verlangen. Das ist besonders bedauerlich, weil es gerade in Bordeaux wahnsinnig viele hervorragende Weine zu extrem vernünftigen Preisen gibt. Es gibt weltweit keine einzige Region, in der man derart attraktive Weine zu so günstigen Preisen finden kann. Wenn man denn sucht…
Das ist die Raison d’être Ihrer Sélection Schwander: sehr hohe Qualität bei freundlichen Preisen.
Wir sprechen den Weinfreund an, der nicht bereit ist, Unsummen auszugeben. Luxus ist etwas anderes. Man kann es ein wenig mit Uhren vergleichen – «Patek Philippe», «Audemars Piguet», «Vacheron Constantin» beispielsweise: Es gibt zahlreiche Uhren aus dem mittleren Segment, die viel weniger kosten und qualitativ auch sehr überzeugen. Aber das ist dann mehr Gebrauchsartikel als Luxus. Ähnlich ist es bei den Weinen: Es gibt wirklich exzellente Gewächse, aber sie haben nicht den Glanz und das Prestige eines «Cru Classé». Teilweise sucht man diese besondere Aura ja bewusst. Etwa wenn man Gäste hat: Man will ihnen die Ehre erweisen und sagt: «Ich mache einen Château Haut-Brion für dich auf und nicht einen Wein von Schwander, der zwar gut schmeckt, aber von dem jeder weiss, dass er preiswert ist.»
Aus dieser Sicht müssten die Verhältnisse für Sie ja paradiesisch sein: Preise und Nachfrage sinken besonders stark in dem Segment, in dem Sie suchen.
Die Verhältnisse sind für uns gut, allerdings macht uns wie allen Akteuren der sinkende Konsum zu schaffen. Gegenüber den Produzenten muss man aber unbedingt fair bleiben. Wir waren vorher schon auf einem Preislevel bei diesen Weingütern, wo sie zwar etwas verdient haben, aber nicht sehr viel. Wir können nicht noch weiter heruntergehen mit den Preisen. Es hilft niemandem, wenn der Winzer nichts mehr verdient.
Ein Geschäft muss immer beiden Seiten zu einem gewissen Mass Freude bereiten.
Gerade die guten Weingüter, deren Weine so um die 20 Franken verkauft werden, haben keinen grossen Spielraum mehr für Preissenkungen, da die Kosten ähnlich hoch sind wie bei den berühmten Châteaux. Den Premier Crus, die vorher für 600 Franken verkauften, tut es deutlich weniger weh, jetzt auf 400 oder 350 Franken zu reduzieren.
Gibt es im allerobersten Segment – «Patek Philippe – eine Immunität gegenüber dem allgemeinen Preistrend?
Im Gegensatz zu «Patek Philippe» kommen die «Premiers Crus» ein wenig unter Druck, aber nicht so stark. Wie bei anderen Luxusgüter-Bereichen: Die oberste Liga hat am wenigsten Probleme. Sie können jetzt nicht mehr irgendwelche verrückten Preise aufrufen, aber sie verdienen immer noch sehr gut. Man kann davon ausgehen, dass ein «Premier Cru» in der Herstellung etwa 12 Franken kostet. Wenn dieser für 300 Franken verkauft, bleibt immer noch der eine oder andere Franken für eine warme Mahlzeit übrig (lacht).
Was raten Sie jemandem, der in den letzten fünfzehn Jahren – vielleicht auch mit Blick auf eine Vermehrung seines Vermögens – den Weinkeller mit Bordeaux gefüllt hat? Trinken oder liegen lassen und darauf hoffen, dass es preislich wieder einmal aufwärts geht?
Generell sieht es im Moment überhaupt nicht so aus, als ob uns ein neuer Boom bevorstehen würde. Die bekannten, sehr guten Jahrgänge, 2009 zum Beispiel, aber auch 2010, wurden «en primeur» zu extrem hohen Preisen verkauft. Heute kann man sie und viele andere Bordeaux zu tieferen Preisen erwerben. Ich würde deshalb vorschlagen: Eine gute Flasche zur Beruhigung öffnen und sich freuen, dass man herrliche Weine im Keller hat und sich bewusst werden, dass man sein Geld seinerzeit vielleicht gescheiter anders angelegt hätte. Mit der Frage nach Wein als Anlageklasse habe ich mich einmal vertieft in einem Fachartikel auseinandergesetzt.
Aus dem Sortiment Ihrer Weinhandlung: Was sind Ihre persönlichen Bordeaux-Empfehlungen?
Im etwas höheren, ambitionierten Bereich haben wir einen Saint Emilion, eine Spezialfüllung des «Château du Cauze»: «Cuvée Sandra». Er wird wie ein «Premier Cru» erzeugt und in zu 100 Prozent neuen Barriques gereift. Der Ehrgeiz des Besitzers, der die Schulbank zusammen mit Alain Vauthier von «Château Ausone» gedrückt hat, ist es, den bestmöglichen Wein zu machen. Qualitativ kann diese Cuvée mit exzellenten, klassierten Weingütern problemlos mithalten. Zurzeit verkaufen wir den 2023er für 40 Franken. Man sollte ihn allerdings unbedingt noch drei bis fünf Jahre reifen lassen.
Und im Bereich Alltagswein?
Sehr viel Trinkvergnügen bereitet der «Le Doyenné», dessen Jahrgang 2018 wir derzeit verkaufen. Er ist sehr elegant und finessenreich und wurde ebenfalls wie ein «Cru Classé» erzeugt. Der Wein kostet erstaunliche 14,90 Franken. Ich habe ihn sogar schon neben Bordeaux «Premiers Crus» serviert und er hat dabei immer eine überraschend gute Figur gemacht. Wir können noch fünf Jahrgänge anbieten, dann ist leider Schluss. Der Betrieb schrieb zwar keine roten Zahlen, aber die Produktion rechnete sich nicht mehr, und der Verkauf wurde zu aufwendig, da das Prestige fehlt, um einen vernünftigen Preis verlangen zu können.
Der Ostschweizer Philipp Schwander entdeckte seine Leidenschaft für Wein mit 16 Jahren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung verantwortete er mehr als eine Dekade lang den Einkauf bei der St. Galler Weinhandlung «Martel», bevor er vier Jahre lang die Zürcher Weinhandlung «Albert Reichmuth» führte. 2003 gründete er seine eigene «Sélection Schwander». Schwander war der erste Schweizer, der die härteste Weinprüfung der Welt erfolgreich absolviert hat – den Master of Wine (1996). Die «Weinakademie Österreich» ernannte ihn zum Ehrenmitglied.