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Alkohol & Gesundheit
Sonntagszeitung: Wie schädlich ist Alkohol wirklich?
Die WHO und andere Gesundheitsorganisationen betreiben eine zunehmend rigorose Kampagne gegen Alkohol. Doch neue Studien weisen auf die positiven Effekte eines massvollen Alkoholkonsums hin.
Eine wichtige medizinische Studie, die den Paradigmenwechsel der WHO «jede Menge Alkohol ist schädlich» hervorrief, war jene in der Fachzeitschrift «The Lancet» von 2018. Seitdem überschlagen sich die Medien förmlich mit Berichten, die geradezu panisch vor dem Alkoholkonsum warnen. Interessanterweise wird dabei meistens der Wein verteufelt, wohl wissend, dass die Lobby der Spirituosen- und Bierproduzenten besser organisiert ist als die der Winzer. Wenigen ist bekannt, dass eine Folgestudie aus dem Jahr 2022 in der gleichen Fachzeitschrift die Ergebnisse der früheren Studie revidierte. Sie wird schlicht ignoriert. Ebenfalls werden die neusten Erkenntnisse der «National Academies of Sciences, Engineering and Medicine» (NASEM) von Ende 2024 kaum erwähnt. NASEM hat im Auftrag der US-Regierung eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit erstellt und eine tiefere Gesamtsterblichkeit sowie ein niedrigeres Risiko für Herz-Kreislaufkrankheiten gefunden. Im Juli 2025 veröffentlichte die «American Heart Association», die weltweit führende Institution für Empfehlungen im Bereich Herz-Kreislauferkrankungen, eine evidenzbasierte Bewertung der gesundheitlichen Auswirkungen mässigen Alkoholkonsums. Dabei hob sie die potenziell positiven Effekte auf das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle und plötzlichen Herztod hervor.
Ideologisch geprägte, einseitige Agenda
Dass derart gewichtige Stimmen fast keinen Niederschlag in der Presse finden, wirft ein fragwürdiges Licht auf die Alkoholgegner. Statt sich mit den Argumenten der Gegenseite sachlich auseinanderzusetzen, verfolgen sie eine ideologisch geprägte, einseitige Agenda. Die positiven Effekte mässigen Alkoholkonsums sowie die differenzierte aktuelle Studienlage werden auch in der öffentlichen Debatte, in den sozialen Medien und der Presse kaum beachtet. Manche staatlichen Stellen versuchen sogar, Alkohol neu in dieselbe Kategorie wie Zigaretten einzuordnen. Anhand von drei kleinen Beispielen möchte ich aufzeigen, wie absurd dieser ideologische Anti-Alkohol-Kurs ist.
Erstes Beispiel:
Wären Sie nicht irritiert, wenn am Skilift oder auf Bergwanderwegen grosse Warnschilder mit dramatischen Bildern von Schwerverletzten auf die Gefährlichkeit sportlicher Betätigung hinweisen würden? Etwa im Stil von: «Sport kann zu schweren Verletzungen führen oder Sie umbringen. » Genauso realitätsfern wie eine Warntafel am Skilift ist das, was sich jetzt die WHO vorgenommen hat, um den moderaten Alkoholkonsum zu bekämpfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine erwerbstätige Person in der Schweiz pro Jahr einen Unfall in der Freizeit erleidet, liegt zwischen 11 und 13 Prozent, davon entfallen 3 bis 4,5 Prozent auf schwere Unfälle, welche die Gemeinschaft finanziell und emotional stark belasten. Wirft man nun einen Blick auf die aktuellen Medienschlagzeilen zum Thema Alkohol, kommt blanke Panik auf. Gerne wird die Lancet-Studie aus dem Jahr 2018 bemüht, in der es heisst, dass bereits ein Alkoholdrink pro Tag (etwa ein Glas Wein) gefährlich sein kann und das relative Risiko von alkoholbedingten Krankheiten um rund 0,5 Prozent erhöht. Nicht auszudenken, was passiert, wenn ich mir als Weinfreund vier Gläser pro Tag genehmige. Relatives und absolutes Risiko sind jedoch zwei völlig verschiedene Grössen, und wer die Studie aufmerksam liest, wird Folgendes entdecken: Von 100 000 Abstinenten hatten nach einem Jahr 914 Personen ein gesundheitliches Problem. Bei jenen 100 000, die täglich ein Glas Wein trinken, waren es vier Personen mehr. Eine wahrlich vernachlässigbare Zahl. Das tatsächliche Risiko erhöht sich bei dieser also um 0,004 Prozent oder 1:25 000. Die Wahrscheinlichkeit, einmal im Leben vom Blitz getroffen zu werden, liegt zwischen 1:15 000 und 1:30 000. Oder anders ausgedrückt: Das Risiko einer gesundheitlichen Schädigung in der Freizeit gegenüber dem Genuss eines täglichen Wein ist 3000 Mal Bei zwei Gläsern Bier oder pro Tag steigt die theoretische Wahrscheinlichkeit übrigens auf 0,063 Prozent.
Zweites Beispiel:
Ein Trick, mit dem die vorteilhaften Auswirkungen des moderaten Alkoholkonsums auf die Herzkreislaufkrankheiten beseitigt werden können, ist das Einbeziehen von Drittwelt- oder Schwellenländern in die Studien. So wird man in einem Entwicklungsland mit einem hohen Anteil junger Menschen kaum positive kardiovaskuläre Effekte durch Alkoholkonsum feststellen können – die Leute sind schlicht zu jung, um entsprechende Krankheiten zu entwickeln. Dafür sterben sie oft sehr früh, weil die Hygiene und die Qualität der konsumierten alkoholischen Getränke schlecht sind oder weil es zu schweren Unfällen und Gewalttaten kommt. Globale Untersuchungen wie die Lancet-Studie behandeln sämtliche Länder als kollektive Einheit, ungeachtet ihrer enormen demografischen, kulturellen und sozioökonomischen Unterschiede. So entsteht dann die Schlussfolgerung, dass bereits ein einziger Drink für alle Menschen bedenklich sei. Wissenschaftlich ist eine solche Vermischung unterschiedlichster Populationen, Lebensumstände und Studiendesigns höchst problematisch.
Gesundheitliche Risiken falsch dargestellt.
Drittes Beispiel:
Ein Grund, weshalb die alten Studien, die positive gesundheitliche Effekte postulierten, nicht mehr gültig sein sollen, beruht auf dem sogenannten Abstinenz-Bias, der besagt, dass Krankheit und Alter zum Verzicht auf Alkohol führen und konsumierenden innerhalb der Abstinentengruppe eine Verschlechterung untersuchten Gesundheitszustandes verursachen. Das kann sein. Eine ebenso gravierende, aber oft verschwiegene Fehlerquelle ist das Underreporting oder der Recall-Bias – also die systematische Unterschätzung des tatsächlichen Alkoholkonsums in den Studien. Dieser Effekt führt dazu, dass die gesundheitlichen Risiken des mässigen Alkoholkonsums falsch dargestellt werden. Die konsumierte Alkoholmenge basiert auf freiwilligen und subjektiven Angaben; mehrere grosse Untersuchungen zeigen, dass der Alkoholkonsum jedoch sehr oft verharmlost und viel zu tief eingeschätzt wird. Dieser Tatsache tragen neue Studien (ausser bei der Mendelschen Randomisierung, jedoch mit anderen methodischen Mängeln) nicht oder nur ungenügend Rechnung. Das Underreporting ist ein permanent vorkommender, systematischer Fehler in der Kommunikation der konsumierten Alkoholmenge. In einer grossen kanadischen Umfrage unter 43 371 Personen wurde das Underreporting, das heisst, die Angabe von viel zu tiefen Konsumationsmengen, auf satte 75 Prozent geschätzt. Das bedeutet, dass sich der Konsum bei einem erfassten Wert von zum Beispiel 2,5 Millionen Litern tatsächlich auf zehn Millionen Liter beläuft. So führte eine weitere Untersuchung mit 127 176 Teilnehmern in den USA zur Schlussfolgerung, dass die vermeintliche Erhöhung von Krebsfällen bei leichtem bis mässigem Alkoholkonsum auf ebendieses Underreporting zurückzuführen sei, was eine massive Überschätzung des Risikos zur Folge hatte. Während sich der Fokus früher auf den hohen Alkoholkonsum richtete, zielt die neue Strategie nun auf den leichten und moderaten Konsum ab. Die Frage ist: Wie begründet die WHO ihren drastischen Kurswechsel? Die WHO hat dazu weder die Zusammensetzung der Expertengruppe noch den Entscheidungsprozess transparent gemacht. Es wird auch nicht kommuniziert, welche wissenschaftlichen Untersuchungen die Grundlage für ihre neuen Richtlinien bilden. Vermutet wird, dass Mitglieder des kanadischen «Low-Risk Alcohol Drinking Guidelines Scientific Expert Panel» an deren Ausarbeitung beteiligt waren. Diese Experten sind auch verantwortlich für die gegenwärtigen Empfehlungen der kanadischen Regierung, die jeden Alkoholkonsum als gesundheitsbedenklich einstufen.
Grossangelegte Studie aus Spanien
Fazit:
Die derzeit geführte Anti- Alkohol-Kampagne entbehrt in weiten Teilen einer differenzierten, wissenschaftlichen Grundlage. Vieles bleibt pauschale Behauptung statt sorgfältig belegte Wissenschaft. Eindeutigere wissenschaftliche Antworten wird der derzeit laufende UNATITrial liefern, eine grossangelegte, methodisch hochwertige und randomisierte prospektive Studie aus Spanien. Erste Ergebnisse werden in etwa drei Jahren erwartet. Unbestritten ist: Ein hoher und problematischer Alkoholkonsum ist gesundheitsschädlich, in schweren Fällen sogar tödlich – dasselbe gilt aber auch für Sport. Ebenso können Menschen mit einem Küchenmesser oder einem Auto getötet werden. Diese Gegenstände und Aktivitäten deswegen verbieten zu wollen, ist genauso absurd wie die aktuell überzogene Strategie, moderaten Alkoholkonsum pauschal zu verteufeln.
Philipp Schwander ist Master of Wine und Inhaber der Weinfirma Selection Schwander. Grundlage dieser Übersicht bilden die mehrjährigen Untersuchungen von Joseph Osterwalder, Master of Public Health Harvard. Weitere Informationen, auch Details zu den medizinische Studien, unter: www.schwander.ch