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Westschweizer Winzer wollen Protektionismus: «Chasselas statt Bordeaux und Burgunder», NZZ
Bundesrat Parmelin will den Westschweizer Winzerkollegen helfen und dafür das Rad der Liberalisierung zurückdrehen.
NZZ 23.03.2026
Artikel: PETER A. FISCHER
«Die Situation ist dramatisch. Ein Grossteil der Winzer sieht sich der Perspektive beraubt, ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Ohne Importbeschränkungen ist das Kulturgut der Westschweizer Rebflächen akut bedroht», sagt Olivier Mark, der Präsident der Communauté interprofessionnelle des vins vaudois. Er sei ein gebranntes Kind, denn er habe einst die Vereinigung der Schweizer Blumenproduzenten geleitet. Die Liberalisierung des Imports habe dieses Geschäft zerstört. Dem Schweizer Wein drohe dasselbe. Mit dem starken Franken könne man Schweizer Boden nicht rentabel bewirtschaften, ohne stärker vom Staat unterstützt zu werden, sagt Mark.
Bundesrat Guy Parmelin hat das Wehklagen seiner Westschweizer Winzerkollegen erhört. Der Wirtschaftsminister, der selber Winzer ist, will neu die Importberechtigungen für Wein auf dem Verordnungsweg an die Abnahme von einheimischem Wein binden. Dabei hatte der Bundesrat dies noch 2018 in Beantwortung der Interpellation Borloz abgelehnt. Damals hielt der Bundesrat kurz und bündig fest, die Änderung würde den Wettbewerb stark einschränken und den Verkauf von Schweizer Wein kaum erhöhen.
2001 wurde der Schweizer Weinmarkt – anders als die allermeisten Landwirtschaftsbereiche – faktisch liberalisiert. Seither können gewerbliche Importeure ausländischen Wein zu einem Vorzugszoll von rund 50 Rappen pro Kilo frei importieren. Davon haben im vergangenen Jahr knapp 2300 Firmen Gebrauch gemacht. Importeure werden bedient, solange das Kontingent nicht ausgeschöpft ist. Doch dieses ist so gross, dass das seit der Liberalisierung noch nie der Fall war.
Import je nach Inlandleistung
Geht es nach Bundesrat Parmelin, ist dieses liberale Regime ab 2027 wieder Geschichte. Stattdessen sollen die Importbewilligungen neu an die Inlandleistung gekoppelt werden – gemessen am bezogenen inländischen Wein beziehungsweise an der verarbeiteten Traubenmenge. Importberechtigungen würden also die Schweizer Winzer oder deren Abnehmer erhalten. Wettbewerbsfähig Bordeaux oder Burgunder in der Schweiz verkaufen könnte nur noch, wer auch grosse Mengen von Chasselas oder Gamay unter die Leute brächte – oder Schweizer Produzenten und ihren Organisationen Importberechtigungen abkaufte.
Doch viel Schweizer Wein verkaufen sei für Schweizer Weinhändler praktisch unmöglich, gibt der Master of Wine und Weinhändler Philipp Schwander zu bedenken: «Es gibt viele sehr gute und erfolgreiche Schweizer Weinproduzenten. Die meisten verkaufen direkt an die Abnehmer und brauchen keinen Händler. Für uns bliebe die Massenware, die Mühe hat, Abnehmer zu finden.» Dass die Schweizer plötzlich mehr von dem Wein, der vorher Absatzschwierigkeiten hatte, kaufen wollten, bezweifelt er.
Eine Bindung der Importe an die Inlandleistung würde viel zusätzliche Bürokratie und höhere Kosten verursachen, ohne dass irgendjemandem geholfen wäre. Der Verband der Schweizer Weinhändler sieht die Existenz des Handels mit seinen 15 000 Angestellten in seiner heutigen Form bedroht. Viele Weinhändler hätten einen Anteil an Schweizer Wein von bloss 2 bis 10 Prozent, da die guten Schweizer Winzer direkt vermarktet werden. Der Verband wehrt sich entschieden gegen das von Parmelin vorgeschlagene neue Importregime, wie der Geschäftsführer Olivier Savoy bestätigt. Gefordert wird dieses vor allem von Waadtländer, Genfer und teilweise auch von Walliser Weinbauern.
Doch was steckt dahinter? Zuallererst ist da der generelle Rückgang der Nachfrage nach Wein. Im Zeichen von Gesundheit, Sport und Stress ist vor allem für die jüngeren Generationen Wein nicht mehr so selbstverständlich ein Kulturgut und ein Genussmittel, wie das bei den älteren der Fall war. Der Konsum von Wein ist in der Schweiz zwischen 2005 und 2024 um einen Fünftel gesunken. Ohne das Bevölkerungswachstum wäre die Veränderung sogar noch dramatischer: Der Pro-Kopf-Konsum der über 15-jährigen Bevölkerung ist in den zwanzig Jahren gar um 35 Prozent eingebrochen. Schweizer Wein vermochte dabei aber seine Stellung zu halten. Sein Anteil schwankte je nach Ernte ohne eindeutigen Trend zwischen 35 und 39 Prozent.
Der Rückgang des Weinkonsums war in den vergangenen fünf Jahren in der Schweiz besonders ausgeprägt, entspricht aber einem generellen Trend in Europa. Während hierzulande 2024 nicht weniger als 15 Prozent weniger Wein konsumiert wurden als noch 2019, ging der Weinverbrauch laut der International Organisation of Vine and Wine in Frankreich um 7, in Portugal um 4 und in Spanien um 3 Prozent zurück. Die portugiesischen Weinbauern haben darauf mit einer Reduktion der Anbaufläche um 11 Prozent reagiert. Auch in Spanien ist sie um 4 Prozent geschrumpft. Doch in der Schweiz blieb die Rebfläche mit –1,5 Prozent nahezu konstant.
Während die Rebbaufläche etwa im Bordeaux-Gebiet um 16 Prozent reduziert wurde, ist sie in der Schweiz in den vergangenen zwanzig Jahren bloss um knapp 3 Prozent geschrumpft. Die Schweizer Produktion verringerte sich aber um rund einen Fünftel. Darin widerspiegelt sich auch eine positive Entwicklung: Die erfolgreichen Winzer haben ihre Ernte pro Fläche reduziert. Sie produzieren heute weniger, dafür besseren Wein in verschiedenen Sorten für unterschiedliche Bedürfnisse.
Strukturwandel hält Einzug
Das ist der eindrückliche Erfolg der Liberalisierung. Weil die Schweiz mit ihren verhältnismässig hohen Kosten nicht zur Produktion von Massenware taugt, hat im Weinbau ein erfreulicher Strukturwandel Einzug gehalten. Clevere Winzer passen ihre Produktion an die sich ändernde Nachfrage an, pflegen ihre Marke und können ihre Weine an Liebhaber teuer verkaufen. Dass diesen Weg viele Deutschschweizer Winzer gegangen sind, hat die Probleme mancher Westschweizer Chasselas-Produzenten noch verstärkt. Es sind oft diese politisch gut vernetzten Kreise, die nun aufbegehren.
Ihnen über Importberechtigungen zu einer Art Zwangsabnahme zu verhelfen, wird die Probleme des Schweizer Weinbaus jedoch nicht lösen. Der durch die jüngeren Generationen forcierte Strukturwandel in der Nachfrage wird sich fortsetzen. Ein an die Inlandleistung gebundenes Importregime würde bloss den Wettbewerb beeinträchtigen und die Anreize verzerren, möglichst kompromisslos auf Qualität und Effizienz zu setzen.
Die Winzer, die damit Mühe haben, sollten ihre Produktion anpassen (gestiegen ist beispielsweise die Nachfrage nach Schaumweinen). Statt Althergebrachtes künstlich zu schützen, würde man besser die Konsolidierung erleichtern und Winzer bei der Vermarktung und der Erschliessung von Exportmärkten unterstützen. 2024 wurde nämlich erst ein Prozent des in der Schweiz produzierten Weins exportiert – in Deutschland sind es knapp 40 Prozent, in Portugal 45, in Spanien 65 Prozent. Dafür zeigt sich auch der Präsident der Waadtländer Weinwirtschaft offen. Für Olivier Mark, der der Waadtländer FDP angehört, besteht die Lösung in einem Vierklang: stärker diversifizierte Produktion, biodiverse Reduktion der Anbauflächen, (noch mehr) staatliche Unterstützung zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Importen und Hilfe bei der Promotion von Schweizer Wein im Ausland.
Parmelins Regulierungsvorschlag jedoch ist genauso unsinnig wie jener von vor acht Jahren. Er gefährdet die Erfolge einer der wenigen Liberalisierungen im Landwirtschaftssektor, die diversifizierte Struktur im Weinhandel und den notwendigen Strukturwandel in den Rebbergen. Es ist buchstäblich eine Schnapsidee zum Weinen.