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Philipp Schwander in den Medien
«Wer moderat trinkt, muss überhaupt keine Angst haben»
Redet Weinhändler Philipp Schwander über seine beiden aktuellen Lieblingsthemen, gerät er mal ins Schwärmen, mal in Rage. Freude bereiten ihm seine Weine – Sorgen der Antialkohol-Hype.
Weltwoche Sommerweine 4. Juni 2026
Oliver Schmuki Bild: Anne Gabriel-Jürgens
Flattern die Bestellungen für Rosé und Sauvignon blanc ins Haus, bedeutet das für Philipp Schwander nur eines: Ein neuer Weinsommer steht kurz bevor. Der erste Master of Wine der Schweiz – inzwischen gibt es drei davon – wurde letztes Jahr sechzig. Wir treffen den Ostschweizer im Ladenlokal der 2003 gegründeten Selection Schwander unweit der Sihlcity. Mindestens so gefürchtet wie für seine strengen Kriterien bei der Selektion der Weine und die sehr demokratische Preisgestaltung ist Philipp Schwander für seine dezidierte Meinung in Sachen Genuss und Alkoholkonsum. Und so lässt er auf seine Sommerwein-Empfehlungen einige Tiraden gegen den Zeitgeist und insbesondere die Weltgesundheitsorganisation folgen. Dabei geht der Weinpapst auch hart mit seiner eigenen Generation ins Gericht.
Weltwoche: Zu Beginn ein Gedankenspiel. Ein heisser Sommertag, die Sonne knallt, wir sitzen kurzärmlig an einem Schattenplätzchen. Welchen Wein trinkt Philipp Schwander?
Philipp Schwander: Ich bin ein hoffnungsloser Bewunderer des deutschen Rieslings. Das ist für mich die grösste weisse Rebsorte, und trocken ist sie unglaublich verführerisch. Ich bin zurzeit Rheingau-Fan. Dort gibt es immer mehr gute Produzenten, auch wenn es in der deutschen Presse in Mode gekommen ist, ein Rheingau-Bashing zu betreiben.
Weltwoche: Weshalb ist das so?
Schwander: Das Gebiet galt lange als das beste in Deutschland. Doch es gibt dort viele adlige Winzerfamilien, die sich zu sehr auf ihren Lorbeeren ausgeruht haben. Heute aber findet man im Rheingau einige der besten Riesling-Weine des Landes zu äusserst attraktiven Preisen. Für mich ist die Gegend viel interessanter als die Pfalz, die derzeit so hochgejubelt wird.
Weltwoche: Für welchen Riesling entscheiden Sie sich konkret?
Schwander: Gunter Künstler vom Weingut Künstler in Hochheim ist in Höchstform und füllt für mich eine besondere Partie des berühmten «Kirchenstücks». Das ist eine Grosse Lage, ähnlich einem Grand Cru aus dem Burgund. Künstler verkauft mir eine super Qualität zum tieferen Preis eines Ersten Gewächses. So kostet der Wein weniger als zwanzig Franken, das ist schwer zu toppen.
Weltwoche: Was macht Künstler anders?
Schwander: Künstler ist ein Star, und seine Weine reifen hervorragend. Entscheidend dafür ist ein gesundes Traubengut. Von der Lesechefin sagt er, dass ein Gefängnisaufseher im Vergleich geradezu ein Wohlfühlprogramm sei. (Lacht) Im deutschen Weinjournalismus wird Riesling oft als gross bezeichnet, wenn ein Wein so trocken ist, dass es dir fast die Därme perforiert. Zum deutschen Charakter gehört anscheinend, dass etwas nicht nur Freude bereiten darf, sondern auch ein bisschen wehtun muss. Darauf steht Künstler nicht. Seine Gewächse begeistern durch ihre verführerische Fruchtigkeit.
Weltwoche: Sie haben Ihre Weinhandlung 2003 eröffnet. Viele Beziehungen zu den Winzern, mit denen Sie zusammenarbeiten, sind über all die Jahre vermutlich gut gereift.
Schwander: Ein enger Kontakt ist mir sehr wichtig. Wir besuchen unsere Winzer mindestens einmal pro Jahr, da wir bei 20 bis 30 Prozent der Weine Spezialfüllungen keltern lassen. Hier lohnt sich der enorme Aufwand, weil wir so noch ein bisschen besser auf den Schweizer Geschmack eingehen können.
Weltwoche: Der Schweizer möchte beim Weissweintrinken etwas mehr Freude spüren?
Schwander: Ja, der Wein darf zwar trocken sein, aber nicht derart säurebetont, dass man zusätzlich auch noch ein Rennie schlucken muss. Allgemein werden die aromatischen Weissweinsorten immer beliebter, Sauvignon blanc oder eben auch Riesling, wobei nicht in demselben Ausmass. Aber heute verkaufen wir zehnmal mehr davon als noch vor fünfzehn Jahren. Die Leute merken langsam, wie köstlich er sein kann.
Weltwoche: Was ist sonst am Boomen?
Schwander: Die Traubensorte Verdejo aus Spanien. Auch dort gibt es attraktive Weine, die preislich sehr interessant sind. Weltwoche: Welche Sommerweine aus der Schweiz kommen diesen Sommer ins Glas? Schwander: Ein superber Yvorne von Philippe Gex. Oder ein Riesling-Silvaner von Nik Zahner aus dem Zürcher Weinland, der Truttiker. Das ist ein leichter Sommerwein par excellence.
Weltwoche: Wie sieht es beim Rosé aus?
Schwander: Rosé verkaufen wir eigentlich nur zwischen März und September. Ein schönes Beispiel, der Fauvette, stammt aus der Provence. Die Rebberge der Domaine La Grande Bauquière liegen am Fusse des Mont Ventoux, den Cézanne bekanntermassen gerne malte. Hier fehlt einzig das Prestige. Dafür werden im Unterschied zu industriellen Produzenten wie etwa Whispering Angel keine Trauben hinzugekauft, sondern nur die eigenen verarbeitet. Zu erwähnen ist auch Pia Strehn, die praktisch nur Roséweine erzeugt. Pia hat gemeinsam mit ihren Brüdern Andy und Patrick das elterliche Gut im Burgenland übernommen und macht praktisch nur Roséweine. Letztes Jahr wurde bei den Salzburger Festspielen zum ersten Mal ein Rosé als offizieller Wein ausgewählt, und zwar einer von Pia Strehn. Mit ihr haben wir eine süffige, schmissige Cuvée assembliert, die sie «Berry & Cherry» getauft hat.
Weltwoche: Haben rote Beispiele neben Weisswein und Rosé im Sommer einen schweren Stand?
Schwander: Ich mag im Sommer sehr gerne Rotwein, besonders zu einem Stück Fleisch. Einen Pinot Noir beispielsweise, der ist nicht so schwer. Ich kühle ihn einfach auf 13, 14 Grad, da er sich wahnsinnig schnell erwärmt. Rotweine sollten bei maximal 16 Grad serviert werden, alles andere ist ein Verbrechen! Da bricht die Aromatik zusammen, und alles riecht indifferent und schmeckt nach Zuckerwatte.
Weltwoche: Ist der Preis nach wie vor das wichtigste Kaufkriterium?
Schwander: Unsere Kunden sind keine Etikettentrinker. Inhalt ist ihnen wichtiger als die Verpackung. Ein überteuerter Bling-Bling- Rosé aus der Provence würde bei uns gar nicht gut ankommen. Bei vielen von diesen Produkten findet die Differenzierung ja häufig über die Verpackung, nicht durch den Inhalt statt. Nur wird der Wein dann preislich anders positioniert.
Weltwoche: Lässt sich der Kunde steuern?
Schwander: Viele vertrauen unseren Broschüren, die ich selbst verfasse. Ansonsten schaue ich, dass ich das anbiete, was gefragt ist, eben zum Beispiel frische, weissweinähnliche Roséweine.
Weltwoche: Was hat Sie jüngst überrascht?
Schwander: Dass die Jugend fast nichts mehr trinkt. Da frage ich mich: Was haben wir, also meine Generation, falsch gemacht? Was ist schiefgelaufen, dass diese jungen Menschen ein Produkt, von dem ihre Eltern begeistert sind, nicht mehr interessant finden?
Weltwoche: Ihre persönliche Antwort?
Schwander: Vieles hat bestimmt mit dem Zeitgeist zu tun, der immer noch stark von den USA geprägt ist. Dort haben sich die Prohibitionisten, die alles verteufeln, was mit Alkohol zu tun hat, unter anderem auch in der Weltgesundheitsorganisation (WHO) breitgemacht. Auf der anderen Seite haben woke Bevölkerungsgruppen den Drogenkonsum weitgehend verharmlost. Das führt zu dem absurden Momentum, dass Rotwein als brandgefährlich bezeichnet wird und gleichzeitig die Haltung gegenüber Kiffen oder Kokain sehr wohlwollend wird.
Weltwoche: Dass weniger Wein konsumiert wird, dürften gerade Sie als grosser Geniesser, aber auch als Unternehmer als besonders bedauernswert empfinden.
Schwander: Wein war in der Schweiz als Kulturgetränk schon immer wichtig. Neben geschichtsvergessenen Gruppierungen unterstützt dann auch noch das Bundesamt für Gesundheit die Position der WHO – bar besseren Wissens! Studien, welche die Bekömmlichkeit des massvollen Alkoholkonsums und dessen deutlich positiven Effekte klar belegen, werden ignoriert und totgeschwiegen. Es ist bedenklich.
Weltwoche: Was predigen Sie persönlich als «Weinpapst», als der Sie immer wieder bezeichnet werden?
Schwander: Ich habe Zeiten, in denen ich abstinent lebe, weil ich tendenziell zu viel konsumiere. Aber wer moderat trinkt, pro Tag fünf Deziliter gemeinsam mit der Frau zum Abendessen, der muss überhaupt keine Angst haben.
Weltwoche: Was halten Sie von alkoholfreien Weinen?
Schwander: Wenn schon alkoholfrei, dann könnten Sie auch gespritzten Apfelsaft probieren, das ist erst noch günstiger. Ich kann mir zwar gut vorstellen, dass es künftig gelingen wird, immer bessere Produkte herzustellen. Allerdings ist es im Vergleich zum Bier mit rund 4 Prozent Alkohol beim Wein mit 13 bis 15 Prozent viel schwieriger, weil hier der Alkohol doch ein beträchtlicher Teil des Produktes ausmacht. Wenn das auf einmal fehlt, wird es schwierig. Manche ersetzen den Alkohol einfach durch Restzucker, aber das ist dann gehüpft wie gesprungen.
Weltwoche: Die Abstinenzbewegung Ende 19., Anfang 20. Jahrhundert hatte aber auch positive Effekte. So führte sie zum Beispiel zur Gründung von Organisationen wie den Anonymen Alkoholikern.
Schwander: Das waren natürlich ganz andere Zeiten damals. Im Zuge der Industrialisierung tranken viele Männer, um die harte physische Arbeit überhaupt zu überstehen. Auch heute haben wir mit riesigen Problemen zu kämpfen, aber Alkoholkonsum gehört sicher nicht mehr dazu. Dieser befindet sich im freien Fall, die Menschen haben noch nie so wenig getrunken wie heute. Der Anteil der Alkoholiker in der Bevölkerung liegt bei etwa 3 Prozent.
Weltwoche: Weil Gesundheits- und Ernährungsthemen heute zum Lifestyle gehören.
Schwander: Ach, was heutzutage nicht alles ungesund sein soll! Kaffee galt eine Zeitlang als ganz schlimm, heute wieder als gesund. Auch mein Freund Christian Wolfrum, der sich ein Leben lang wissenschaftlich mit Ernährung beschäftigt hat und früher an der ETH lehrte und heute in Singapur führender Professor an einer der besten Universitäten ist, bestätigt, dass viele dieser sogenannten Erkenntnisse meist nur Laborversuche mit äusserst beschränktem Aussagewert sind. Manche Substanzen wirken in geringen Dosen positiv, bei mittleren neutral und bei hohen schädlich. Gewisse sogenannte Wissenschaftsjournalisten, die einen regelrechten Dschihad gegen den Alkohol führen, übernehmen in ihrem ideologischen Eifer diese kruden Resultate, um ihre Thesen zu stützen. Das macht mich rasend. Ich ertrage es nicht, wenn man lügt.
Weltwoche: Sie engagieren sich inzwischen auch politisch.
Schwander: Ich unterstütze Benedikt Würth, der im Ständerat gegen die WHO mobilisierte. Dort stimmte man darüber ab, ob man deren Empfehlungen übernehmen soll. Das Anliegen wurde hochkant abgelehnt. Im Hintergrund wird jetzt im Hinblick auf die Abstimmung im Nationalrat viel Lobbying für die WHO betrieben, denn eine Annahme würde der Inquisition Tür und Tor öffnen. So darf beispielsweise bereits jetzt der Kirschproduzent Etter keine blühenden Kirschbäume mehr auf seiner Website abbilden, das sei zu verführerisch. Solch dreiste Vorschriften machen mich sprachlos.
Weltwoche: Die Weinindustrie trotzt also dem Zeitgeist. Heute heisst die Losung, besonders bei den jüngeren Generationen, Selbstoptimierung – Askese und physische Ertüchtigung statt Exzess.
Schwander: Das Problem ist, dass gerade die Jungen stark auf Werbung reagieren. Grosse internationale Bier- oder Spirituosenhersteller betreiben international kostspielige Werbung. Die Weinproduzenten sind aber mehrheitlich kleine Betriebe, da kann man sich unmöglich weltweite Kampagnen leisten. Darum gerät Wein auch ins Hintertreffen, und das Image leidet, weil man nicht mehr so oft darüber redet. So heisst es dann schnell einmal: Ah ja, der Opa trinkt doch Wein, das ist ein Alte-Leute-Getränk.
Weltwoche: Viele Händler führen heute halbe Flaschen im Angebot mit einem Volumen von 37,5 Zentiliter. Was halten Sie von diesem Trend?
Schwander: Das ist sicher eine gute Sache. Aber ich bin eher auf der Seite von Winston Churchill, der sagte, eine Magnumflasche sei perfekt für einen Zmittag zu zweit, wenn einer nichts trinkt. (Lacht) Aber auch wir haben kürzlich bei einer Promotion halbe Flaschen angeboten. Das stiess auf grosses Echo. Die Leute trinken ja auch tendenziell weniger, je älter sie werden.
Weltwoche: Wie sieht es hier mit der Qualität aus?
Schwander: Wein reift weniger gut in der kleinen Flasche. Darum muss man hier sehr aufpassen.
Weltwoche: Welchen Rat würden Sie einem modernen Winzer geben, wie er in diesem harten Geschäft bestehen kann?
Schwander: Man muss ein klares Profil haben und sich genau überlegen, wofür man steht. Und man muss eine Geschichte erzählen können. Nur Wein machen, weil es der Vater zuvor auch getan hat, reicht heute nicht mehr.
Weltwoche: Auch Sie als Master of Wine schätzen gutes Storytelling.
Schwander: Auf jeden Fall. Die Qualität eines Weins steigt natürlich gefühlt, wenn man eine Geschichte dazu erzählen kann.
Weltwoche: Welcher Wein lässt Sie in Gedanken verreisen?
Schwander: Der Fillaboa aus Rías Baixas in Galizien. Die Traubensorte heisst Albariño. Da sehe ich sofort die galizische Küste mit dem kalten Atlantikwasser vor mir – und eine Platte mit fruits de mer. Und zu solchen passt dieser Weisswein sensationell gut!
Weltwoche: Wann ist Wein ein Luxus?
Schwander: Wein sollte eben gerade kein Luxusgut sein. Wein ist etwas, das uns im Alltag begleiten und für kleine Freuden sorgen soll. Früher war Wein Getränk und Nahrungsmittel. Und die europäische Küche basiert stark darauf, dass sie mit dem Wein, den man am Tisch trinkt, harmoniert. Wein und Essen müssen sich gegenseitig unterstützen. Alle reden von der mediterranen Diät. Dass Wein aber einen Fünftel dieser Ernährung ausmacht, vergessen viele und schlürfen dafür entzückt drittklassiges Olivenöl aus dem Discounter. Das ist doch völlig gaga!
Weltwoche: Um mit einer positiven Note zu schliessen: Trinken wir heute den besten Wein, den die Menschheit je gekannt hat?
Schwander: Ich denke schon, ja. Natürlich gab es schon früher tolle, charaktervolle Weine. So wie es auch heute viele gesichtslose Weine gibt. Aber mit der heutigen Technik und unserem Know-how bezüglich Pflanzenschutz kann ein höheres Niveau erreicht werden. Gleichzeitig haben wir auch gelernt, dass Technik nicht alles ist, sondern dass letztlich die Natur für die Qualität sorgt. So arbeitet man vermehrt mit Klonen, also Traubenvarianten, die zwar kleinere Erträge bringen, aber aromatischere Trauben. Und wir kommen wieder auf alte Erkenntnisse zurück. Wir realisieren etwa, dass es entscheidend ist, zu welchem Zeitpunkt man schneidet, und dass dabei auch der Mond eine Bedeutung hat. Wir werden glücklicherweise wieder demütiger.