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Philipp Schwander in den Medien
Philipp Schwander - Master of Wine im Magazin «Y» des Kantons Schwyz
… WAR DER ERSTE «MASTER OF WINE» DER SCHWEIZ – UND GEHT GERN DEN DINGEN AUF DEN GRUND.
Artikel: Andreas Lukoschik
Illustration: Anisonk Thongra-Ar
Die Prüfung zum «Master of Wine» besteht aus zwei Teilen. Im praktischen Teil der Prüfung werden dem Probanden drei mal zwölf Gläser zur Blindverkostung präsentiert, zu denen er die Frage beantworten muss, warum Ihm die Prüfer diese zwölf Weine dahin gestellt haben. Zum Beispiel weil sie die gleichen Rebsorten haben, aus der gleichen Region stammen, ähnlich vinifiziert wurden, oder zu welcher kommerziellen Nutzung einzelne davon einzusetzen sind und dergleichen mehr. Der Proband muss sich also den Kopf der Prüfer zerbrechen und hat als Anhaltspunkte nur die Weine im Glas vor sich. Mehr nicht. UND: Er hat für jeden Durchgang dieser drei mal zwölf-gliedrigen Blindverkostung nicht ewig Zeit, da der Wein mit jeder Minute im Glas wärmer wird und sich sein Bouquet und Geschmack verändert. Das kann der Erkenntnis dienen – oder sie verschleiern. Im theoretischen Teil der Prüfung bezieht er sodann zu 13 Fragen aus der Welt des Weines im Essay-Format ausführlich Stellung.
Philipp Schwander schaffte diese wohl schwerste Prüfung zum Thema Wein als erster Schweizer – und blieb über 20 Jahre lang der einzige Eidgenosse, der zu dieser weltweit hehren Runde zählte.
«Inzwischen bin ich bei der geographischen Zuordnung nicht mehr so fit», sagt er bescheiden und schwenkt einen Chardonnay vom österreichischen Winzer Philipp Grassl im Glas als wir in seinem Heim in Wollerau sitzen. «Die Zuordnung brauche ich in meinem Beruf nicht mehr wirklich. Denn wenn ich auf ein Weingut zum Verkosten der Weine fahre, weiss ich ja, woher der Wein kommt. Deswegen bin ich in dieser Frage aus der Übung.»
Dafür ist er «fit» im Erkennen dessen, was er seine «van Goghs» nennt. Besagter Maler hatte zeit seines Lebens nur ein einziges Bild verkauft und wurde erst später in seiner wahren Grösse erkannt.
«Solche Weine, die eher unerkannt und deshalb günstig im Preis sind, während sie sich gleichzeitig grossartig an Zunge und Gaumen zeigen, … solche Weine suche ich» – und mit einem lausbubenhaften Lächeln fügt er hinzu, «und finde sie auch.»
Das stimmt nicht nur, sondern wurde zum Konzept seines Weinhandels «Selection Schwander». Dank dieses Spürsinns und seiner langjährigen Alleinstellung in der Schweiz hat ihm das das Attribut «Wein-Papst» beschert. Regelmässig bestätigt durch Artikel in der NZZ (siehe Kasten am Ende des Artikels), in denen Schwander zu aktuellen Themen bei Weinen befragt wird. Darin verweist er auch schon mal eifrige Weinjournalisten mit erfrischender Klarheit auf die Plätze, die ihre Degustationen mit Wortschöpfungs-Schwurbeleien à la «Sattelleder mit einem Hauch Bohnerwachs und Kerbel» garnieren. Und auch die Eitelkeiten von Etiketten- Trinkern nennt Schwander frisch und fröhlich beim Namen. Dadurch verschafft er uns weintrinkenden Zeitgenossen die Freiheit, genau das zu tun, was im Umgang mit Wein das Wichtigste ist – nämlich nicht zu renommieren, sondern zu geniessen. Der beste Wein ist nun mal der, der einem schmeckt. Egal ob er einfach oder raffiniert ist. Das klingt banal, stimmt aber trotzdem.
Wie hat Schwander eigentlich angefangen sein feines Gespür für Wein auszubilden?
«Durch Neugier! Und Übung», sagt er und es ist zu spüren, dass ihm beides wichtig ist. «Als ich mir zum Beispiel eine Meinung zum Grünen Veltliner bilden wollte, bin ich in die Wachau, ins Kamptal und ins Weinviertel gefahren und habe 50 bis 100 Weine pro Tag verkostet.»
Pro Tag?
«Pro Tag! Nach einer Woche hatte ich ein sehr präzises Bild vom Grünen Veltliner und wusste viel über seine Stärken, Schwächen und wann er – im wahren Wortsinn – eine Sensation ist, also ein sinnliches Erlebnis der Extraklasse. Zu einem solchen Vorgehen gehört vielleicht ein bisschen Talent – vor allem aber Fleiss. Denn es gibt viele grossartige Rebsorten und Weine auf unserer schönen Welt, die entdeckt und verstanden werden wollen. Ein gutes Geschmacksgedächtnis hilft ausserdem auch ein bisschen.» Ein nettes Understatement!
Sein Geschmacksgedächtnis
Von Menschen, die sich 100-stellige Zahlen merken können, weiss man, dass sie die Zahlenkolonne in begriffliche Assoziationsketten zerlegen, aus denen sie eine Geschichte formen, weil sie sich die leichter merken können. Wie funktioniert das Speichern der Weine bei ihm?
«Hm», hier wird er nachdenklich, weil er sich wie viele talentierte Leute nie Gedanken über sein Talent gemacht hat.
«Die Weine sprechen einfach zu mir. Und diese Geschichten kann ich mir merken. Das ist so, als ob Sie zu einem guten Bibliothekar gehen und nach einem bestimmten Buch fragen. Dann kann der ihnen auch sagen, in welchem Regal es an welchem Platz steht. So ist es auch bei mir. Ich kann mir viele Weine einfach merken und habe sie in meiner inneren Bibliothek genau eingeordnet. Diese Einordnung geht bei mir übrigens ziemlich schnell. Ich kann nicht eine halbe Stunde an einem Wein sitzen und immer wieder und wieder kosten und schnüffeln. Meine Sensorik ist beim Verkosten voll geöffnet und registriert, was sie zu spüren bekommt – und dann merkt sich mein Gedächtnis das Wahrgenommene. Fertig. Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass ich schon als kleines Kind immer die Speisen taxiert habe, die sie mir zubereitet hatte.»
Und mit einem entschuldigenden Lächeln fügt er hinzu: «Da muss bei mir wohl eine gewisse sensorische Prädisposition vorliegen.»
Nicht nur, denn um sich auf die Prüfung zum eingangs erwähnten «Master of Wine» vorzubereiten, braucht’s nicht nur einen feinen Sinn samt gutem Gedächtnis, sondern auch sehr viel Disziplin und Härte gegen sich selbst.
«Wissen Sie, ich bin der Sohn eines Deutschlehrers», antwortet er auf diesen Einwand, «der gelernt hat, dass das, was nicht gut läuft, verbessert werden muss, während das, was gut läuft, normal ist. Das erzeugt eine gewisse Grund-Unzufriedenheit, an der ich ständig arbeite. Ich versuche nämlich in dieser Hinsicht mit zunehmendem Alter etwas entspannter zu werden.»
Wieder dieses verschmitzte Lächeln.
«Dazu gehört auch, dass ich die Vorteile dieser Unzufriedenheit erkenne. Denn wenn sie beim Weinverkosten grundsätzlich kritisch sind, wird der Winzer eher versuchen, sie mit einem ganz besonderen Gewächs zu überzeugen, als wenn sie von Anfang an alles grossartig fänden. Und diese besonderen Gewächse sind’s ja, die ich suche, um darunter im besten Fall einen weiteren van Gogh meiner Selection Schwander zu finden.»
Unzufriedenheit kann also auch seine guten Seiten haben – besonders wenn man als sein Kunde in den Genuss kommt, sich diese so entdeckten Trouvaillen auf der Zunge zergehen zu lassen.
Und damit kommen wir zu seiner zweiten Leidenschaft, bei der mancher sich fragt:
Hat der Mann eigentlich einen Stich?
Die Antwort ist: Nicht einen – Hunderte! In Kupfer, Stahl, Stein, kurzum alles, in das sich stechen und davon drucken lässt, ist bei Philipp Schwander zu finden. Denn er liebt «Druckgrafiken ». Das klingt eigentlich harmlos nach Postern. Doch wer das Privileg erhält, seine Sammlung in seinem separaten Aussenlager sehen zu dürfen, erkennt schnell, welche Art von Druckgrafiken es ihm angetan haben. Nämlich jene, die von erlesenen Händen gefertigt wurden: von Albrecht Dürer bis Toulouse-Lautrec, von Goltzius bis Martin Lewis, von Piranesi bis Stow Wengenroth, von Canaletto bis John Taylor Arms und von Andrea Mantegna bis Cézanne. Bei Philipp Schwander sind die grandiosesten Vertreter ihrer Zeit zu finden. Von solchen, die im 15. Jahrhundert gelebt haben, bis zu solchen, die noch keine 70 Jahr tot sind. Von jenen aus dem Italien der Renaissance bis zu jenen aus dem Amerika der grossen Depression. Alle, alle sind sie da. Mit herausragend guten Arbeiten in makellosem Zustand. Das ist die Sammelarbeit eines grandios Wahnsinnigen, der einen exquisiten Geschmack hat.
Bei der Betrachtung dieser schwarzweissen Pracht, die in ihrer Vielfalt geradezu farbig wirkt, muss man ganz tief den Hut ziehen. Sowas gibt es sonst nur im Museum zu sehen – doch erzählt einem da niemand mit so viel Begeisterung und innerem Glück von den Künstlern, ihren Wünschen und Motiven wie Schwander. Und wie sie mit unglaublichem Fingerspitzengefühl und ruhiger Hand all das in Metall gestochen, geätzt oder auf Stein aufgebracht haben. Und wie diese Ausnahmekünstler ihre Ideen und Sichtweisen auf diesem zeitlos schönem Papier hinterlassen konnten. Und auf welche Druckzustände der geneigte Betrachter sein Augenmerk richten solle. Belehrend ist er nämlich keine Sekunde, weil er das als Lehrersohn vermutlich selbst nicht mag. Und…, und…, und…
Woher kommt diese Leidenschaft?
«Wissen Sie», sagt er mit einem entschuldigenden Lächeln, «ich war in der Schule nicht besonders gut. Anfangs habe ich gedacht, dass mir vielleicht ein paar Gehirnwindungen fehlen. Doch dann merkte ich, dass mir die vielen kleinen Häppchen, die man pro Fach in einer Dreiviertelstunde serviert bekommt, nichts brachten. Wenn mich etwas interessierte – und das ist bis heute so –, dann wollte ich alles darüber erfahren und habe tage- und nächtelang darüber gelesen, bis ich das Gefühl hatte, jetzt habe ich einen Eindruck davon.»
Wie beim Wein?
«Wie beim Wein! Als ich das Thema ‚Druckgrafik‘ für mich entdeckte, habe ich mich regelrecht hineingegraben und alles darüber gelesen, dessen ich habhaft werden konnte. Und dann wollte ich solche Werke natürlich nicht nur in der Albertina oder im British Museum hin und wieder besichtigen, sondern sie immer um mich herum haben.» Und da er ein begeisterungsfähiger Mensch ist, wurden aus dem ersten Stich … viele? «Sehr viele. Und ich bin meiner Partnerin Nicole sehr dankbar, dass sie all das erträgt.» Und dann fügt er mit einem verschwörerischen Unterton hinzu: «Beim Thema Druckgrafiken bin ich allerdings erst noch Lehrling. Da liegt noch einiges vor mir.»
Schloss Freundetal
Doch ist die Leidenschaft für Druckgrafiken nicht die einzige aussergewöhnliche Passion im Leben des Philipp Schwander!
«Stimmt», sagt er gutgelaunt. «Es gab eine Zeit, da wollte ich, der ich in einer Mietwohnung aufgewachsen bin, ein Haus erwerben. Zur Zukunftssicherung und so. Aber die, die mir gefielen, waren zu teuer. Und die, die ich mir leisten konnte, gefielen mir nicht. Es war also etwas trostlos und ich wollte eigentlich schon aufgeben. Doch dann erzählte mir ein Freund, dass er von einem Häuschen wisse, das günstig aber in einem schlechten Zustand sei: Schloss Freudental. ‚Ein Schloss werde ich mit Sicherheit nicht kaufen‘, sagte ich damals zu ihm, ‚aber anschauen können wir es ja.‘ Tja, und dann musste ich lernen, dass es Immobilien gibt, bei denen der Kaufpreis der geringste Kostenfaktor ist», sagt er mit einer gehörigen Portion Selbstironie.
Inzwischen ist Schloss Freudental das wohl schönste – auf jeden Fall aber am geschmack- und stilechtesten renovierte – Barockschlösschen am Bodensee. Filme liessen sich darin drehen, so stimmig und schön ist es. Deshalb lässt es auch das Herz von Philipp Schwander bei jedem Besuch frohlocken.
Doch weil Licht und Schatten zusammengehören, muss Schwander auch die dunkle Seite einer solchen Trouvaille aushalten. Denn täglich seufzt er mehr als einmal, wenn er bedenkt, was es ihn kostet, diese Perle der Barockarchitektur am Leben zu erhalten – obwohl er es als kleines, feines Hotel betreiben lässt.
Aber so ist das mit Überzeugungstätern – manchmal wachsen sie über sich hinaus. Ob sie wollen oder nicht.
Dazu O-Ton Schwander:
«Wenn ich mir anschaue, was ich schon alles in meinem Leben gemacht habe, dann fällt es mir mit zunehmendem Alter leichter, den Wahnsinn und die Fehler anderer besser zu ertragen.»
Und mit seinem typischen Schwander- Schmunzeln ergänzt er: «Zumindest bemühe ich mich darum.»
Oh, Mann!
Wie auch immer man diesen Mann und seine Leidenschaften beurteilt, es ist mehr als bemerkenswert, was er in seinem Leben leistet: Durch sein Talent, Weine in ihrer komplexen Fülle erkennen zu können, ermöglicht er kleineren Winzern ihre feinen Tropfen zu einem Preis an den Mann zu bringen, der dem Winzer ein leises Strahlen in die Augen zaubert. Gleichzeitig erfreut sich der Jäger in Philipp Schwander daran, wieder den einen oder anderen «van Gogh» für seine Kollektion entdeckt zu haben und letztlich schnalzen wir Weingeniesser ob solcher Gewächse in unserem Glas genüsslich mit der Zunge. Und obwohl allein das schon lobenswert ist, legt Schwander das verdiente Geld auch noch in eine herrlich subjektive und überaus sehenswerte Kunstsammlung an und restauriert ein baugeschichtlich bedeutendes Schloss, das mehr als Staunen macht.
Wer so viel Schönes entdeckt (Weine), zusammenträgt (Druckgrafiken) und erschafft (Schloss Freudental) leistet wahrhaftig genau das, was der Begriff ‚Selection‘ im edelsten Fall meint – nämlich das Beste vom Guten zu unterscheiden.