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Alkohol & Gesundheit
NZZ: Kulturkampf um den Apéro: Politiker fordern vom Bund einen «Marschhalt» bei Empfehlungen zum Alkoholtrinken
Manchen geht es um gesundheitliche Folgen, anderen um Genuss und Geselligkeit, doch ernst ist es beiden.
NZZ 04.12.2025
Matthias Venetz, Bern
PR-Berater Lorenz Furrer, Weinhändler Philipp Schwander und Ständerat Benedikt Würth wollen sich nicht «umerziehen» lassen.
Zwischen dem Bundesamt für Gesundheit und dem Clé de Berne, dem Versammlungsort seiner neuesten Kritiker, liegt bloss ein Kilometer. Doch geistig, so scheint es an diesem Mittwochabend, liegen dazwischen ganze Wert- und Weltvorstellungen.
Gleich zu Beginn der Wintersession lädt eine Allianz aus Politikern und Vertretern aus der Gastro-, Wein-, Bier- und Spirituosenbranche zu einer konstituierenden Pressekonferenz ins Clé de Berne ein. Dort verkünden sie die Gründung von Gaudium Suisse und erklären, der Bund wolle mit seinen Empfehlungen zum Alkoholkonsum die Leute «umerziehen». Mit ihrer Task-Force wollen sie sich nun gegen die «pauschale Stigmatisierung von Bier, Wein und Spirituosen» wehren.
Eingeladen hat Lorenz Furrer, Hausherr und einflussreicher Politberater. Als solcher hat er schon mehrere Bundesratskandidaten betreut und sie meistens auch ins Amt gehievt. Sein «Gmögigkeitsfaktor», so heisst es, sei nach oben offen.
Der Abend ist geprägt von Kontrasten, das wird schon zu Beginn klar. Statt wie bei Medienterminen der Verwaltung üblich, werden die Teilnehmer nicht bloss mit einer ausgedruckten Medienmitteilung, sondern wahlweise mit einem Glas Wasser oder Wein begrüsst. Nach der Begrüssung sagt Furrer bestens gelaunt: «Ich bin jetzt schon seit Jahren im Geschäft, aber Wein konnte ich bei einer Pressekonferenz noch nie anbieten.» So sichert er sich die ersten Lacher des Abends.
Die gelöste Atmosphäre im Clé de Berne mag täuschen, denn in Bundesbern und auch in den sozialen Netzwerken wähnen sich dieser Tage viele in einem Kulturkampf. Einigen geht es um die Gefahren, die Alkoholkonsum mit sich bringt. Anderen, allen voran Gaudium Suisse, geht es um das «kulturelle Erbe», um die Kritik an einer zunehmenden «Bevormundung durch die Verwaltung» und auch um das «Luschtig-Sii».
Trotz allen Unterschieden verbindet die beiden Lager eine grosse Gemeinsamkeit: Sie meinen es ziemlich ernst.
Kampf der Studien
Das Bundesamt für Gesundheit, kurz BAG, informiert auf seiner Webseite und in seinen Publikationen über die Risiken von Alkoholkonsum und zitiert entsprechende Studien. Dort heisst es, allein alkoholbedingte Probleme des Verdauungssystems führten zu mehr als 330 Todesfällen pro Jahr. Insgesamt würden jährlich «etwa 1600 Personen» zwischen 15 und 74 Jahren an den Folgen des Alkoholkonsums sterben. Zudem verursache Alkoholmissbrauch jährlich Kosten von rund 2,8 Milliarden Franken und führe durch Krankheiten, vorzeitige Pensionierungen und Todesfälle zu einem Schaden von 2,1 Milliarden für die Schweizer Volkswirtschaft.
Immer wieder verweist das BAG auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die sich seit einigen Jahren auf Studien stützt, die nicht nur vor übermässigem, sondern vor jeglichem Alkoholkonsum warnen. Gaudium Suisse fürchtet nun, dass das BAG einen Paradigmenwechsel vollziehen und die «WHO-Doktrin» übernehmen könnte.
Nun machen neben Lorenz Furrer auch weitere Mitglieder von Gaudium Suisse auf ihre Sorge aufmerksam. Erst Philipp Schwander, Master of Wine und ausdrucksstarker Weinhändler aus St. Gallen. Weiter die beiden Mitte-Politiker Nicolò Paganini aus Abtwil und Benedikt Würth aus Rapperswil-Jona. Der Nationalrat Paganini ist Präsident des Schweizer Brauerei-Verbandes. Im Parlament wurden ihm bereits Ambitionen und Fähigkeiten für höhere Ämter, wie das Fraktionspräsidium, nachgesagt. Der Ständerat Würth wiederum wurde mehrfach als potenzieller Bundesratskandidat gehandelt und ist Präsident des Labels «Appellation d’origine protégée», kurz AOP. Zu Hause in der Ostschweiz gilt er als Weinkenner, in Bern als ein Kenner der politischen Feinmechanik.
An diesem Abend Anfang Dezember referiert erst Weinhändler Schwander und erläutert anhand von Vergleichen und Diagrammen seine methodische Kritik an den Studien der WHO.
Bis in die 1990er Jahre, so Schwander, sei die Sache anders gewesen. Man habe die Leute beim Alkoholkonsum eher mässigen müssen. «Jetzt ist das Pendel in die andere Richtung ausgeschlagen.» Hinter sich präsentiert er ein Diagramm, das den Pro-Kopf-Konsum zeigt, aufgeschlüsselt nach Bier, Wein und Schnaps. Die Graphen weisen überall nach unten. Darauf spricht er über das sogenannte «underreporting». Er meint damit, dass Studienteilnehmer ihren Alkoholkonsum geringer beziffern, als er tatsächlich ist. Schwander ist überzeugt, dass dadurch Studien verfälscht werden. «Das ist das Störende und die Sauerei!»
Dann übersetzt er seine methodische Kritik in Alltagssprache. Man kenne «underreporting» auch aus dem Alltag. Wenn ihn sein Arzt früher gefragt habe, wie viel er getrunken habe, «han ich schamlos gloge».
Es gehe heute nicht darum, die Leute zum Trinken zu animieren, so Schwander weiter. Sondern darum, einen massvollen Genuss nicht zu stigmatisieren. Um seine Aussagen zu legitimieren, zitiert er aus mehreren Studien, die von positiven Auswirkungen eines massvollen Alkoholkonsums sprechen. Es stimme, dass Alkohol töten könne. «Aber dasselbe gilt auch für Küchenmesser und Autos.»
Teilweise scheint es, als wolle Schwander gleichzeitig ein Referat und eine Brandrede halten.
Schnapsdiskussion im Parlament
Die Diskussion sei so emotional, sagt Ständerat Würth, weil jeder einen anderen Lebensentwurf habe. Manche seien pragmatisch, andere dogmatisch. «Und auch ein bisschen puritanisch.»
Tatsächlich ist das Thema nicht nur emotional, sondern inzwischen auch politisch. Anfang Sommer reichte Würth im Ständerat eine Interpellation ein. Er wollte wissen, ob der Bundesrat die Meinung der WHO teile, wonach es keine gesundheitlich unbedenkliche Menge Alkohol gebe. Bundesrätin Baume Schneider, die Vorsteherin des BAG, bestritt dies. Würth erklärte darauf, der Bund verfolge keine konsistente Politik, er veröffentliche «fachlich fragwürdige und gesellschaftlich weltfremde Empfehlungen», fördere im Jura aber gleichzeitig die Produktion von Damassine. Falls Bundesrätin Baume-Schneider, so Würth weiter, diesen jurassischen Schnaps noch nie probiert habe, schenke er ihr gerne eine Flasche.
Bundesrätin Baume-Schneider sagte, sie «glaube wirklich nicht», dass der Bundesrat die Absicht habe, einen «äusserst kontrollierten, moderaten Konsum zu verteufeln». Sie kündigte weiter an, dass die zuständige Fachkommission (EKSN) bis im Herbst neue Empfehlungen zum Konsum veröffentlichen werde. Sie selbst werde diese «zweimal durchlesen» und dann sehen, ob es sich um «Dogmatismus» oder «sachliche» Empfehlungen handle. Dann bot sie Würth Nektar aus den Früchten ihres eigenen Damassine-Baumes im Jura an.
Die EKSN schreibt nun, Anfang Dezember, man gebe keine Empfehlungen ab, sondern präsentiere als unabhängige Kommission auf wissenschaftlichen Grundlagen den aktuellen Wissensstand. Die Verzögerung habe mit der Debatte im Parlament nichts zu tun und über die aktuellen Arbeiten der Kommission «werden keine Auskünfte gegeben».
Ständerat Würth hat inzwischen eine Motion eingereicht, in der er vom Bundesrat einen «Marschhalt» für neue Empfehlungen zum Alkoholkonsum verlangt. Neben Würth haben zwanzig weitere Ständerätinnen und Ständeräte unterschrieben. Darunter Vertreter der Mitte, der SP, der FDP und der SVP.
Der Ständerat wird noch in der laufenden Session darüber abstimmen. Voraussichtlich Mitte Dezember, sicher aber vor dem letzten Weihnachtsapéro des Parlaments.