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Philipp Schwander in den Medien
Falstaff-Talk mit Philipp Schwander: «Wir leben in einer Ära des schlechten Gewissens»
Langlebigkeit als Ersatzreligion, gesunde Ernährung als Dogma, Alkohol als Sündenfall: Master of Wine Philipp Schwander hält wenig vom moralisierten Zeitgeist. wird als Kokain.
Falstaff.com 21.Januar 2026 Dominik Vombach
Im Falstaff-Talk erklärt er, warum Verzicht nicht automatisch gesünder macht, weshalb die WHO beim Thema Alkohol irrt – und wieso Wein heute härter verurteilt wird als Kokain.
Falstaff: Wenn Sie den aktuellen Zeitgeist in einem Satz beschreiben müssten: Leben wir heute eher in einer Ära des bewussten Genusses oder in einer Ära des schlechten Gewissens?
Philipp Schwander: Ganz klar in einer Ära des schlechten Gewissens – mit seltsamen Ersatzreligionen.
Was meinen Sie mit Ersatzreligionen?
Langlebigkeit und gesunde Ernährung sind zu neuen Fetischen geworden. Überspitzt gesagt: Manche kasteien sich und glauben, sie würden hundert Jahre alt, wenn sie nur noch Gurkensaft trinken.
Ist es nicht sinnvoll, alt werden zu wollen?
Natürlich, aber fraglich ist, ob man das durch Verzicht erreicht. Viele Studien, die vermeintlich «gesunde» Lebensweisen belegen, stammen aus Laborbedingungen und sind kaum relevant, werden aber als hieb- und stichfeste Erkenntnisse verkauft.
Inwiefern?
Wie Paracelsus sagte: Die Dosis macht das Gift. Was in grosser Menge schadet, kann in kleiner Dosis sogar positiv sein – auch Alkohol. Neuere Studien zeigen das. Wer also behauptet, Alkohol sei pauschal schädlich, irrt. Selbst die Aussage, Alkohol sei ein Nervengift, ist Unsinn. In den entsprechenden Laborversuchen arbeitete man mit extremen Dosen, die Nervenzellen zerstören – das gleiche passierte bei diesen Versuchen übrigens auch mit Zitronen- und Orangensaft.
Kürzlich verwarf der Ständerat mit überwältigender Mehrheit die Übernahme der strikten WHO-Alkoholempfehlung, wonach es keine gesundheitlich unbedenkliche Alkoholmenge gebe.
Ja. Das BAG wollte diese Richtlinie ungeprüft übernehmen. Auf Initiative des St. Galler Ständerats Beni Würth und weiteren Politikern wurde sie jedoch diskutiert und massiv abgelehnt. Professor Joseph Osterwalder hat beispielsweise sämtliche relevanten Studien überprüft und kommt zu einem anderen Schluss. Nämlich, dass die WHO-Aussage wissenschaftlich nicht haltbar ist. Seine Ergebnisse sind übrigens eben in der wissenschaftlichen Zeitschrift Praxis veröffentlicht worden und können auf unserer Homepage heruntergeladen werden.
Viele verzichten zeitweise ganz auf Alkohol. Wie sehen Sie das?
Ich mache das selbst – trinke aber natürlich mehr als der Durchschnitt. Für jemanden mit moderatem Weinkonsum ist Alkoholfasten unnötig.
Kritiker sprechen von einem kulturellen Paradigmenwechsel im Umgang mit Alkohol. Beobachten Sie tatsächlich einen solchen Wandel, und wie bewerten Sie ihn?
Definitiv. Wir leben in einer Zeit der Extreme. Wer Fleisch isst, gilt heute schon als Klimasünder, der Schuld am Klimawandel und Weltuntergang auf sich lädt. Auf der einen Seite wird Wein verteufelt, auf der anderen Seite, weiss ich von Bekannten, die in der Drogenhilfe tätig sind, dass es hierzulande riesige Probleme mit Kokain und anderen Drogen gibt – darüber spricht kaum jemand.
Welche konkreten Auswirkungen hat dieser Wandel bereits?
Viele Weinhändler haben das unterschätzt. Wer sich jetzt nicht engagiert, macht einen Fehler. Einige Betriebe verzeichnen Verluste von zehn bis 30 Prozent – das ist dramatisch.
Die Schweizer Weinwirtschaft wird mit zehn Millionen Franken unterstützt. Ist das sinnvoll?
Ja, wenn das Geld Winzern zugutekommt, deren Weine sich schlecht verkaufen. Man sollte sie unterstützen, ihre Produkte besser zu positionieren. Aber: Der Marktanteil von Schweizer Wein ist nicht eingebrochen – die Zahlen täuschen, weil die Ernte 2024 extrem schwach war. Von einer Krise zu sprechen, halte ich für überzogen. Zum Vergleich: In Bordeaux hat man in fünf Jahren 20 Prozent der Rebfläche verloren, in der Schweiz in den letzten 20 Jahren etwa zwei Prozent.
Was halten Sie von alkoholfreien Alternativen?
Beim Bier gibt es mittlerweile sehr gute Produkte. Alkoholfreie Weine überzeugen mich noch nicht, am wenigsten schlimm sind alkoholfreie Schaumweine. Sonst greife ich lieber zu gespritztem Apfelsaft – der ist günstiger und schmeckt viel besser als die meisten entalkoholisierten Weine.