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Philipp Schwander in den Medien
| Alkohol & Gesundheit
Sonntagszeitung: «Wein kann eine grossartige Bereicherung des Lebens sein»
Philipp Schwander, der Schweizer Weinhändler und Master of Wine über Alkohol, Absatzprobleme und neue Trends.
Sonntagszeitung 04.10.2026
Dominic Geisseler
Foto: Christian Merz
Der Weinkonsum in der Schweiz geht stetig zurück. Was ist der Grund?
Der Zeitgeist begeistert sich immer mehr für eine pharisäerhafte Haltung. Sie favorisiert Verbote und engmaschige Vorschriften und hat zum Credo «Longevity » geführt. Bei dieser «Religion » wird versucht, vermeintlich lebensverkürzende Nahrungsmittel und Tätigkeiten zu vermeiden. Dieser Trend ist – wie so viele – aus den USA mit voller Wucht in Europa angekommen. Junge Leute treffen sich zudem immer weniger in der Gemeinschaft, um zusammen ein gutes Essen und eben auch Wein zu geniessen. Es scheint so, wie wenn wir Weinhändler und -produzenten uns einiges einfallen lassen müssen, um den Jungen die Faszination dieses Kulturgetränkes wieder besser vermitteln zu können.
Welche Rolle spielt dabei der neueste Bericht der WHO, der jeglichen Alkohol als gesundheitsschädigend bezeichnet? Oder ist es einfach der aktuelle Trend in Richtung bewusster und gesünder leben?
Die WHO, der übrigens seit 2003 kein Europäer mehr vorsteht, unterstützt den allgemeinen Anti- Alkohol-Trend durch ihre wissenschaftlich nicht belegbare Anti-Alkoholkampagne. Dabei könnte jeder Journalist, der sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt, herausfinden, dass ein offizielles, sehr einflussreiches Beratergremium der WHO in Sachen Alkohol die Movendi-Gruppe ist.
«Eine Protektion der heimischen Winzer würde dazu führen, dass die Qualität massiv sinken würde.»
Was ist die Movendi-Gruppe?
Das sind hauptsächlich Mitglieder der Guttempler-Bewegung, ideologisch motivierte Alkoholgegner. Da das Image der Guttempler alles andere als gut war, benannte man die Organisation in «Movendi International» um.
Die Positionen sind verhärtet. Die einen verteufeln den Wein, die andern preisen ihn als traditionelles und kulturelles Naturprodukt. Wer hat recht?
Schon Paracelsus wusste: Es ist eine Frage der Dosis, ob etwas giftig ist. Selbst Gurkensaft ist vermutlich schädlich, wenn er im Übermass genossen wird. Was zurzeit – meistens mit dem Glas Wein – gemacht wird, ist eine Art Rufmord. Die neuesten Studien deuten sogar darauf hin, dass ein massvoller Alkoholkonsum durchaus positive Effekte hat, gerade für ältere Leute. Alle diese zahlreichen Analysen – von namhaften Institutionen wie etwa der renommierten American Heart Association, einer Non-Profit- Organisation, die sich mit der Vorbeugung und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen beschäftigt – werden jedoch unterschlagen. Eigentlich müssten die Italiener und Franzosen schon längst ausgestorben sein, wenn Wein wirklich so gesundheitsbedrohend wäre. Tatsache ist, dass viele «Blue Zones», Gegenden, in denen die Menschen besonders alt werden, in Weingebieten liegen. Kürzlich starb übrigens der älteste Deutsche mit 110 Jahren. Sein Beruf? Winzer.
Wie reagiert die Weinbranche auf den Umsatzrückgang?
Bis jetzt recht hilflos. Wir müssen uns da alle an der Nase nehmen. Grosse Rabatte schaffen definitiv keine neuen Kunden, sie entwerten den Wein sogar. Wir müssen wieder mehr auf die Leute zugehen und aufzeigen, was Wein für eine grossartige Bereicherung des Lebens sein kann. Kulinarisch und kulturell.
Wegen des Umsatzrückgangs möchten nun manche Westschweizer Winzer die Importrechte für ausländische Weine an die Verkäufe von Schweizer Weinen knüpfen. Was ist davon zu halten?
Diese Inlandleistung, die genau jene Winzer geschützt hätte, die über kurz oder lang nicht im Wettbewerb bestehen können, ist glücklicherweise seit letztem Donnerstag vom Tisch. Da gewisse Westschweizer Winzer panische Angst vor dem Wettbewerb haben, wird jetzt versucht, über eine Versteigerung der Kontingente oder die drastische Reduzierung der Importe zum normalen Zollansatz den gleichen protektiven Effekt zu erzielen. Vermutlich würde durch diese Protektion aber lediglich bewirkt, dass der Konsum weiter sinkt oder der Einkaufstourismus noch mehr angeheizt wird. Es gibt kein einziges europäisches Land, das seine Weinproduktion protektionistisch schützt. Was jedoch von den EU-Ländern gezielt gemacht wird, ist die Unterstützung der Winzer im Strukturwandel und einer Hilfeleistung im Export. Das ist insofern sinnvoll, weil es den Wettbewerb nicht unterbindet.
Glaubt man den Vertretern gewisser Westschweizer Weinorganisationen, ist der Druck der günstigen ausländischen Weine riesig.
Es ist schlicht nicht wahr, dass an der Misere der Schweizer Weine die ausländischen Weine schuld sind. Der Schweizer Wein hat – im Gegensatz zum ausländischen Wein – im letzten Jahr sogar 2,3 Prozent Marktanteil dazugewonnen, ausländische Rotweine dagegen büssten über neun Prozent ein. In den letzten zehn Jahren bewegte sich der Anteil der Schweizer Weine am Gesamtkonsum immer zwischen 35 und 38 Prozent. Tatsache ist, dass die gesamte Branche – im Ausland noch viel mehr – unter den veränderten Konsumgewohnheiten leidet. In Bordeaux sind in den letzten drei Jahren zwanzig Prozent der Rebflächen gerodet worden. Die Anbaufläche der Schweiz hat sich dagegen in den letzten vierzig Jahren kaum verändert. Eine Protektion der heimischen Winzer würde dazu führen, dass die Qualität wieder massiv sinken und die Probleme noch grösser würden, wie dies vor der Marktliberalisierung 2001 bereits der Fall war. Ausserdem würde man den bereits sehr unter Druck stehenden Weinhandel mit 15 000 Angestellten (ohne die Gastronomie und Hotellerie eingerechnet) bedrohen, der ein wesentlich grösserer Arbeitgeber ist als die rund 2500 Schweizer Winzer.
Könnte man denn nicht mehr Schweizer Weine exportieren?
Natürlich könnte man. Viele Weinbauländer mussten dies auch lernen, da bei ihnen der Inlandkonsum dramatisch eingebrochen war. Deutschland exportiert mittlerweile vierzig Prozent der Produktion, Italien fünfzig Prozent und Spanien sechzig Prozent. Die Exportnation Schweiz hingegen exportiert gerade mal 1,4 Prozent ihres Weines.
«Die neuesten Studien deuten sogar darauf hin, dass ein massvoller Alkoholkonsum durchaus positive Effekte hat, gerade für ältere Leute.»
Themawechsel. Wie sieht es mit alkoholfreien Weinen aus? Werden sie tatsächlich immer besser? Werden wir in zwanzig, dreissig Jahren nur noch alkoholfreien Wein trinken?
Die Qualität ist im Steigen begriffen und wird vermutlich weiter steigen. Es ist jedoch schwierig, alkoholfreien Wein beispielsweise mit alkoholfreiem Bier zu vergleichen, da Bier viel weniger Alkohol als Wein hat und dieser auch weniger geschmacksbestimmend ist. Ich würde alkoholfreien Wein eher als attraktives Erfrischungsgetränk vermarkten. Möglicherweise wird die Entwicklung ähnlich wie bei den Fleischersatzprodukten verlaufen: Grosse Euphorie zu Beginn, nachher Einpendeln auf tieferem Niveau.
Wie ist die Situation bei anderen alkoholischen Getränken? Sinkt der Absatz auch bei Bier oder Spirituosen?
Es ist vermutlich noch nie so wenig Alkohol konsumiert worden wie jetzt. Der Rückgang umfasst alle alkoholischen Getränke. Dafür steigt der Drogenkonsum kontinuierlich – sehr traurig.
Zurück zum Wein. Wie gut wird der diesjährige Jahrgang nach dem Hitzesommer ausfallen?
Es gab Regionen mit brutalem Hagelschlag und sonstigen Ernteausfällen. In vielen Gegenden sind die Winzer jedoch trotz Hitze, Trockenheit und teils tiefer Erträge völlig überrascht von der absolut grossartigen Qualität und regelrecht begeistert.
Sind neue Weinländer aufgrund der Klimaverschiebung am Entstehen? Was ist zum Beispiel von schwedischen oder britischen Tropfen zu halten?
Auf Schweden würde ich da weniger setzten. In England gibt es allerdings champagnerähnliche Schaumweine, die erstaunlich gut sind, allerdings auch nicht ganz billig. Das Klima ist ähnlich, die Kreideböden sind im Süden Englands teilweise sogar identisch zu jenen der Champagne. Überhaupt gibt es immer mehr Länder mit hervorragenden Schaumweinen. Franciacorta etwa ist mittlerweile berühmt, weniger bekannt ist hingegen Corpinnat aus Katalonien.
Und was ist mit China, das ja eng mit französischen Weingütern kooperiert? Droht hier eine neue Konkurrenz?
Im Gegensatz zu technologischen Produkten müssen wir uns in Sachen Wein nicht vor China fürchten. Weinbau ist etwas ausserordentlich Langfristiges. Sie pflanzen einen Rebberg und sehen wahrscheinlich frühestens in zehn Jahren, ob es möglicherweise ein guter Entscheid war. Da wird noch viel Zeit vergehen, bis für Europa ernsthafte Konkurrenz erwächst.
Welche Trends zeichnen sich für die nächsten Jahre ab? Stichwort: Naturweine, vegane und Piwi-Weine?
Der Trend der vermeintlichen «Naturweine» ist glücklicherweise überstanden, hier sind die Verkäufe weitgehend zusammengebrochen. Vegane Weine sind moderne Verkaufsförderungsmassnahmen: Es gibt gar keine veganen Weine, da selbst beim teuersten Wein nicht verhindert werden kann, dass beim Traubengut hin und wieder Insekten mitverarbeitet werden. Als «vegan» gilt ein Wein, bei dem tierische Stoffe, wie beispielsweise Eiweiss, nicht zur Klärung des Weines eingesetzt werden. Da diese Stoffe sowieso weitgehend wieder ausgeschieden werden, ist eine Diskussion darüber nicht sinnvoll. Pilzwiderstandsfähige Sorten, die Piwi-Weine, sind jedoch durchaus prüfenswert. Mittlerweile gibt es einige ermutigende Beispiele. Das Problem ist, dass sie nicht immer wirklich resistent und manche geschmacklich etwas eigen sind.
Der Weinpapst
Philipp Schwander ist seit über vierzig Jahren im Weinhandel tätig. Er war für den Weineinkauf der St. Galler Weinhandlung Martel verantwortlich und leitete die Zürcher Weinhandlung Albert Reichmuth, bis er sich 2003 mit der Selection Schwander selbstständig machte. 1996 bestand er als erster Schweizer die strengste Weinprüfung der Welt, den Master of Wine. Schwander ist zudem Eigentümer von zwei Rebbergen in Spanien und des Hotels Schloss Freudental am Bodensee.